Hamburg, 13.06.2007: Nachdem EVOCARS in den letzen Monaten ausschließlich kleine, feine und vor allem kraftvolle Sportler getestet hat, riskierten wir kürzlich einen Blick in ein neues Segment – das der „Power-Dickschiffe“. Wir fuhren den 4,77 Meter langen und 1,88 Meter breiten Japan-Bullen Nissan Murano. Und kaum waren die ersten Kilometer absolviert, konnten wir in den Blicken vieler Passanten, die unserem wuchtigen Vehikel interessiert nachschauten, lesen: „Was kommt da denn angebrettert? Ein Van, ein SUV, ein Geländewagen, ein Kombi auf Stelzen? Alles richtig! Der Murano hat von allem etwas. Er ist – für EVOCARS eines der automobilen Unworte des Jahres – neudeutsch ein „Crossover“. Eine Kreuzung eben! Der flexible Asiat ist rund 100 Millimeter niedriger als ein typisches SUV, aber mit 1705 Millimetern deutlich höher als ein Kombi. Und eben so vielfältig fährt sich die edle Reisekutsche mit der frechen Grinseschnauze auch.
Sind wir auf der Autobahn unterwegs, kommen die 234 PS des 3,5-Liter-V6 (bekannt aus dem 350Z) voll zum Tragen. Der hochgebockte Straßenkreuzer bringt seine 1,87 Tonnen ganz schön in Wallung! Die stufenlose Sechsgang-Automatik (Xtronic-CVT) beschleunigt ihn zügig und ohne Unterbrechung bis 220 km/h. Weiter geht’s leider nicht, denn da stößt die Tachonadel an. Der Hersteller gibt übrigens 200 km/h Spitze an – das gilt wohl nicht für EVOCARS. Wer bei längerer Fahrt Sprit sparen möchte, sollte manuell in den sechsten Gang schalten. Die Automatik hört im fünften Gang auf, zu arbeiten. Ganz schön bockig, die Gute! Kleiner Wermutstropfen: Im manuellen Betrieb ist der Tempomat nicht einsatzbereit. Sei’s drum - Tempomat-Fahrer sind sowieso langweilig.
Ein Drehmoment von 318 Newtonmeter bei 3600 Umdrehungen und ein Sprintvermögen von 8,9 Sekunden bis 100 km/h machen den Murano auch nicht gerade zum Leisetreter. Geht es ins hügelige Gelände oder auf die Schotterpiste, tut das aus dem X-Trail bekannte Allrad-System gute Dienste. Bei „normaler Fahrt“ fließt 91 Prozent der Kraft an die Vorderräder - das merkt man leider bei all zu schneller Kurvenfahrt. Da schiebt der Wagen ganz schön dreist über die Vorderräder. Wenn man richtig steil geht, schickt die zentrale Lamellenkupplung jedoch bis zu 50 Prozent an die Hinterräder. Auf Knopfdruck lässt sich die Kraft manuell auf starren Durchtrieb (50:50) schalten. Doch für extreme Bergtouren ist der Murano dennoch nicht geeignet. Da steckt einfach (noch) zu viel Pkw in seinen Genen.
Die Serienausstattung ist ungewöhnlich üppig: Neben dem erwähnten Allradantrieb und CVT-Getriebe sind auch Ledersitze, zehnfach-elektrisch einstellbare Fahrersitze mit Memory-Funktion (das ist purer Luxus!), elektrisch einstellbare Pedale, eine Klimaautomatik, ein integrierter Sechsfach-CD-Wechsler, ein 225 Watt starkes Bose-Soundsystem mit Sub-Woofer und ein elektrisches Schiebedach an Bord. Welches sich beim Abschließen des Autos aber leider nicht automatisch schließt. Das gab’s doch schon beim Golf III, oder!? Vergeblich gesucht hat EVOCARS im Cockpit auch eine Temperaturanzeige. Nun aber genug der Kritik und des Gezeters: Getönte hintere Seitenscheiben, 18-Zoll-Leichtmetallfelgen, Bi-Xenon-Scheinwerfer, eine Geschwindigkeitsregelanlage, eine Farb-Rückfahr-Parkkamera und ein Birdview-Navigationssystem (das allerdings noch richtig Deutsch lernen muss! „... dann Sie haben Ihr Ziel erreicht.“) sind ebenfalls im Preis inbegriffen. Und der liegt bei stolzen 46.740 Euro. Somit ist der Murano nicht gerade ein Schnäppchen. Das darf bei dieser Vielfalt ein Hightech-Ausstattung aber auch niemand verlangen! Halt – in den USA schon: Dort gibt’s den Crossover ab schlappen 27.500 Dollar – soviel kostet hierzulande ein besser ausgestatteter Kleinwagen.
Der Nissan Murano hat uns sowohl auf der Autobahn als auch in der Stadt großen Spaß gemacht. Abseits befestigter Wege machte der Asiat ebenfalls eine gute Figur. Doch wenn man den „Dicken“ auch mit Spaßfaktor vorwärtsbewegt und nicht nur verträumt, wie auf „Butterfahrt“ durch die Straßen gondelt, gönnt er sich schon mal 16,6 Liter auf 100 Kilometer. Nissan gibt einen Durchschnittsverbrauch von 12,3 Litern an. Tja - bei EVOCARS wird eben ein wenig „anders“ getestet. Und das ist auch gut so. Nicht für den Geldbeutel, aber fürs Auto-Gen in uns!